Tibetische Medizin: Einblick in das Gesundheitssystem vom Dach der Welt

Tibetische Medizin

Einführung in das Medizinsystem vom Dach der Welt

Die Tibetische Medizin ist ein ganzheitliches Medizinsystem. Es basiert auf Überlieferungen, Beobachtungen und langer Tradition. Bis zur Mitte der 1950-iger Jahre hatten die Menschen in Tibet (China) keinen Zugang zur westlichen Medizin. Krankheiten wurden daher weitestgehend ohne Einflüsse anderer Kulturen diagnostiziert und behandelt. Was aber können Menschen im Westen von der Tibetischen Medizin lernen? In diesem Beitrag lesen Sie, was Tibetische Medizin ist und wie Tibeter Gesundheit und Krankheit beurteilen. Sie erfahren zudem wissenswertes darüber, wie tibetische Ärzte eine Krankheit diagnostizieren und welche Behandlungsmethoden in der Tibetischen Medizin gängig sind.

Tibetische Medizin: Erfahrungsmedizin vom Dach der Welt

Unterwegs zu Fuß oder mit dem Pferd in luftiger Höhe

Lhasa ist die Hauptstadt der autonomen Region Tibet in China und liegt auf etwa 3.600 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort aus beträgt die Luftlinie bis nach Berlin in Deutschland mehr als 6.600 Kilometer. Da Tibet geographisch gesehen das am höchsten gelegene Land der Erde ist, wird es oft als Dach der Welt bezeichnet. Bis in die 1950-iger Jahre war Tibet weitestgehend von anderen Staaten abgekapselt, was einen Einfluss auf die Tibetische Medizin ausübte. Auch die Infrastruktur war anders als etwa in benachbarten Staaten wie Indien: Asphaltierte Straßen existierten ebensowenig wie Flughäfen. Da es keine Autos gab, war das wichtigste Fortbewegungsmittel das Pferd. Tagelange Wanderungen waren ebenfalls die Regel um vom einen Ort zum nächsten zu gelangen.

Aufgrund der Höhe ist die Vegetation darüber hinaus begrenzt: pflanzliche Lebensmittel wie Gerste und Spinat konnten aber angebaut werden und bildeten neben tierischen Lebensmitteln wie Butter, Fleisch und Fisch eine wichtige Nahrungsgrundlage. In der Tibetischen Medizin wird zudem jedem Lebensmittel eine Wirkung auf die Gesundheit zugesprochen: Sie spielen sowohl in der Prophylaxe und Behandlung von Krankheiten eine große Rolle. Die Ernährung ist daher ein fester Bestandteil der Therapie und mit anderen Behandlungsmethoden wie der Arzneimitteltherapie, äußeren Heilmethoden und Verhaltenstherapie gleichwertig.

Die Farben der Gebetsflaggen symbolisieren die Elemente.

Tibetische Medizin: Überlieferung von Erfahrungen

Das Wissen der tibetischen Ärzte beruhte über Jahrhunderte hinweg auf mündlichem und schriftlichem Erfahrungswissen. Sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben oder von Lehrer zu Schüler, etwa innerhalb einer Familie. Auch eine Ausbildung im Kloster war möglich. Heute kann die Tibetische Medizin in China und anderen Ländern zudem an Universitäten studiert werden. Eine traditionelle Ausbildung ist aber weiterhin möglich. 

Trotz der abgeschiedenen und schwer erreichbaren Lage Tibets, bestand aber dennoch ein Austausch mit anderen Kulturen. Pflanzen, die in Tibet nicht wuchsen, wurden etwa in Indien, Nepal oder in Bhutan eingekauft. Das erklärt auch, weswegen wichtige tibetische Heilpflanzen tropische und subtropische Pflanzen sind: Sie stammen etwa aus Indien und wurden der Erfahrungen wegen in die Tibetische Medizin integriert.

Die vier Leitfäden (rGyud bzi) sind bis heute das wichtigste Lehrbuch für tibetische Ärzte.

Länder in denen Tibetische Medizin praktiziert wird

Zwar hat die Tibetische Medizin in Tibet ihren Ursprung. Sie wird aber zusätzlich zu anderen traditionellen Heilverfahren und der Schulmedizin auch in anderen Ländern praktiziert. In dem Himalaya-Staat Bhutan etwa oder in vielen Nordindischen Bundesstaaten ist die Tibetische Medizin gängig. Eine der größten Medizinschulen befindet sich etwa im nordindischen Dharamsala, dem Men-Tsee-Khang. Aber auch in Nepal, in der Mongolei und in der Schweiz hat die Tibetische Medizin einen Stellenwert.

Info!

Die Schweiz ist eines der wenigen europäischen Länder, die in den 1950-iger Jahren tibetische Flüchtlinge aufgenommen hat. Daher hat sich die Tradition der Tibetischen Medizin dort verankert und ist bis heute relevant.

Wie ein tibetischer Arzt Gesundheit und Krankheit beurteilt

Über den Kosmos, oder: über Wechselbeziehungen 

Aus tibetischer Sichtweise ist ein Lebewesen eine Verknüpfung aus Körper, Geist und Gedanken. Zudem ist jedes Lebewesen, jede Pflanze und jeder Stein aus tibetisch-medizinischer Sichtweise ein eigenständiger Mikrokosmos. Dieser Mikrokosmos stellt ein Abbild des Universums, dem Makrokosmos, als eine verfeinerte und individuelle Form dar. Damit ist gemeint, dass der Mensch ein Bestandteil eines größeren Systems ist, er dieses System beeinflusst und von ihm beeinflusst wird. Mit anderen Worten: ein Gespräch, Freude und Trauer beeinflusst die Gesundheit des Menschen ebenso wie Umweltfaktoren, die Ernährung, das Wetter und der Ort an dem sich eine Person befindet. Ein Spaziergang am Strand bei Sonnenschein wird bei den meisten Menschen vermutlich andere Gedanken erzeugen als in einem Verkehrsstau bei gleichzeitigem Termindruck. 

Neben der Sichtweise darauf, wie bestimmte Faktoren auf den einzelnen Menschen wirken, bezieht die Sichtweise der tibetischen Tradition zudem mit ein, was ein Lebewesen durch seinen Körper, seinen Geist und seine Gedanken bewirkt. Das bedeutet, dass beispielsweise ein Gespräch zwischen zwei Menschen immer die Gedanken, die Gefühle und das Handeln beider Gesprächspartner beeinflusst. Die Beeinflussung beschränkt sich aber nicht nur auf zwischenmenschliche Faktoren, sondern ist auf jeden Bereich übertragbar. Zum Beispiel übt die Art zu reisen einen Einfluss auf die Umwelt aus: Die Umwelt beeinflusst den Menschen und der Mensch beeinflusst die Umwelt. Alles steht mit allem in einer Wechselbeziehung.

Gesundheit aus tibetischer Sicht

Aus tibetischer Sichtweise setzt sich das Universum aus fünf Elementen zusammen: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum. Diese Elemente befinden sich bei einem gesunden Lebewesen in einem individuellen Gleichgewicht, so die Theorie. Um herauszufinden, ob ein Mensch gesund ist, bestimmt ein tibetischer Arzt die Elemente aber nur indirekt. Verwendet werden hierfür bestimmte Regulatoren, die sogenannten Nyes-pa. In der Tibetischen Medizin gibt es drei Nyes-pa: rLung (Wind), Bad-kan (Schleim) und mKhris-pa (Galle). Wind steht wörtlich und symbolisch für das Element Wind, Schleim symbolisiert Erde und Wasser und Galle steht für das Element Feuer. Der Raum wird nicht gemessen, er wird als übergeordnetes Element betrachtet.

Um herauszufinden, ob sich die Regulatoren im Gleichgewicht befinden, stehen dem tibetischen Arzt verschiedene Methoden zur Verfügung, zum Beispiel Untersuchung der Zunge oder des Urins, Pulsfühlen oder bestimmte Fragetechniken.

Info!

Aus tibetischer Sicht spiegeln sich die Regulatoren (Nyes-pa) zudem in der Persönlichkeit und Konstitution wieder. Ihr Anteil wird nur in den seltensten Fällen in einem Menschen exakt 33,33 Prozent betragen. Im Normalfall ist ein einzelner Regulator eher dominant. Das ist normal. Eine Person mit einem Überhang an „Wind“ wird hinsichtlich ihrer Persönlichkeit und Konstitution beispielsweise eher ein nachdenklicher und zurückhaltender Mensch sein. Ein Mensch in dem der Regulator „Schleim“ dominiert ist hingegen oft geschäftig, viel in Bewegung und fühlt sich in Gesellschaft wohl. Ist der Regulator „Galle“ stärker als Wind und Schleim ausgeprägt wird es die Person nach tibetischer Auffassung lieben im Rampenlicht zu stehen. „Galle-Typen“ neigen – je nach Situation – eher dazu impulsiv und angriffslustig zu reagieren. 

Krankheit aus tibetischer Sicht

Gerät ein Regulator aus dem Gleichgewicht und nimmt zu oder ab, ist die Gesundheit aus tibetischer Sichtweise beeinträchtigt. Auf lange Sicht kann sich dadurch eine Krankheit entwickeln. 

Zum Beispiel gehen Wind-Beschwerden oft mit Schmerzen, Müdigkeit, Kältegefühlen und einem ruhelosen Geist einher. Kennzeichen von Galle-Beschwerden sind hingegen häufige Kopfschmerzen, Magenschmerzen nach einer Mahlzeit, Hitzegefühle oder häufiges Schwitzen. Typische Zeichen für einen Überschuss des Nyes-pa Schleim sind etwa Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, Blähungen, innere Kältegefühle und kalte Haut.

Info!

Wind- und Schleimkrankheiten werden in der Tibetischen Medizin immer als Kältekrankheiten bezeichnet. Gallekrankheiten sind immer auf Hitze zurückzuführen. Zudem sind Mischtypen möglich. Die Ausprägung von Kälte und Hitze wird beispielsweise durch Faktoren wie das Wetter, die Stimmung, Erlebnisse und Lebensmittel beeinflusst.

Da die Regulatoren nie statisch sind, verändern sie sich im Körper ständig: Während etwa am frühen Morgen durch einen schlechten Traum ein Überschuss an Wind vorliegen kann, ist es möglich das der Regulator im Laufe des Tages zurück in die Balance gelangt, weil der Mensch beispielsweise den Traum gedanklich verarbeitet und schlechte Emotionen aufgelöst hat. Gerät ein Nyes-pa also kurzzeitig in eine Schieflage, ist noch nicht von einer Krankheit die Rede. Krank ist ein Mensch erst dann, wenn das Ungleichgewicht dauerhaft über einen längeren Zeitraum, etwa für Tage, Monate und Jahre bestehen bleibt und Beschwerden verursacht.

Dokumentiert sind in der Tibetischen Medizin 404 verschiedene Krankheiten, deren Übersetzung in eine westliche Sprache allerdings weitestgehend unverständlich bleibt. Da bei allen Krankheiten jedoch bestimmte Symptome bekannt sind und Behandlungen vorgeschlagen werden, können sie als Syndrome umschrieben werden. Die tibetische Krankheitsbezeichnung „Herz-Wind“ wird verständlicher wenn erklärt wird, dass die Krankheit durch innere Unruhe und übermäßiges Grübeln ausgelöst werden kann. Zu den Symptomen der Herz-Wind-Krankheit gehören beispielsweise Selbstgespräche, übermäßiger Bewegungsdrang und Kopfschmerzen.

Gespräche, Pulsfühlen und Beobachten: Diagnosemethoden tibetischer Ärzte

Nachfragen ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnose

Ein Erstgespräch mit einem Tibetischen Arzt dauert üblicherweise zwischen 20 und 60 Minuten. Während dieser Zeit wird – vergleichbar mit einer westlichen Anamnese – der Ursprung der Beschwerden hinterfragt. Es folgen anschließend spezifische Nachfragen, um herauszufinden, welche Ursachen für die Beschwerden in Frage kommen. Im nächsten Schritt erfolgt meist die Pulsdiagnose.

Die Gesundheit und das Zusammenwirken der Organe messen: die Pulsdiagnose 

Zu den wichtigsten Instrumenten in der Tibetischen Medizin gehört die Pulsdiagnose. Sie dient dazu zu erfahren, welche Ursache die Beschwerden haben. Dabei ertastet der Tibetische Arzt weniger den Herzschlag, sondern vielmehr die Ausprägungen der Organpulse. 

Bei Frauen beginnt der tibetische Arzt am linken Handgelenk, bei Männern am Rechten. Bei der Pulsdiagnose werden Organe mit der Fingerkuppe des Zeige-, Mittel- und Ringfingers abgetastet. Vollorgane wie Herz, Milz und Nieren werden von oben (zum Daumen) gefühlt, Hohlorgane wie Dickdarm, Magen und Harnblase werden von unten (vom Daumen weg) gefühlt. Hierbei werden die einzelnen Pulsschläge mit der Atmung des Patienten verglichen und auf Unregelmäßigkeiten überprüft. Im Normalfall, das heißt im gesunden Zustand, liegen zwischen Ein- und Ausatmung fünf regelmäßige Pulsschläge. Bei einer Erkrankung des Magens, verändert beispielsweise sich der Pulsschlag am linken Handgelenk des Patienten, welchen der tibetische Arzt mit seinem rechten Mittelfinger von unten fühlt.

Traditionelle Darstellung zur Pulsdiagnose

Untersuchung von Zunge und Urin

Je nachdem welche Beschwerden bestehen und wie ausgeprägt sie sind, führt der Tibetische Arzt weitere Untersuchungen durch. Die Betrachtung der Zunge liefert ebenso wie die Untersuchung des Urins weitere Hinweise darauf, um welche Art der Erkrankung es sich handelt und welche Therapie eingeleitet wird. Im Idealfall findet die Untersuchung beim Patienten in den frühen Morgenstunden statt, wenn dieser nüchtern und ausgeruht ist.

Tibetische Medizin: Behandeln mit Heilpflanzen, Ernährung und mehr

Vier verschiedene Therapiezweige

Für die Behandlung von Beschwerden stehen in der Tibetischen Medizin vier verschiedene Methoden zur Verfügung: Ernährung, Lebensweise, Arzneimittel und äußere Heilmittel. Welche Therapie ausgewählt wird, entscheidet der Tibetische Arzt nach der Diagnose. Dabei kann es sich sowohl um eine einzelne Form der Therapie handeln, zum Beispiel die Einnahme eines tibetischen Arzneimittels oder die Veränderung der Ernährung. In der Regel werden jedoch verschiedene Behandlungen kombiniert.

Tibetische Ernährungstherapie: warme und kalte Lebensmittel

Lebensmittel werden in der Tibetischen Medizin in kalte, warme bis heiße und neutrale Speisen und Getränke eingeteilt. Mit dieser Einteilung ist weniger die Zubereitungsart gemeint, sondern vielmehr die Wirkung, die sie im Körper verursachen: Kalte Lebensmittel wie Joghurt und Rohkost können Wind- und Schleim-Leiden verstärken aber Galle-Beschwerden lindern. Heiße und warme Lebensmittel wie Sesamöl, Fisch und Honig verstärken Galle-Beschwerden, setzen aber Probleme durch zu viel Wind- und Schleim herab. Ein Beispiel für ein neutrales Lebensmittel ist die Banane. Daher wird ein Tibetischer Arzt für einen Behandlungserfolg bestimmte Lebensmittel empfehlen und von anderen abraten. 

Tibetische Arzneimittel: Pillen, Pulver und Pflanzen

Eine der häufigsten Behandlungsmethoden in der Tibetischen Medizin erfolgt durch kräuterhaltige Pillen. Seltener werden zudem Mineralien und tierische Substanzen wie Butter verwendet. 

Anders als in der westlichen Naturheilkunde, kommen hierbei kaum Auszüge aus den Pflanzen wie Tinkturen zum Einsatz. Im Normalfall werden getrocknete Pflanzenteile in Pulverform verarbeitet und zusammen mit anderen Substanzen eingenommen. Seit einigen Jahren kommen außerdem vermehrt Tees zum Einsatz. Zudem wird eine Pflanze nur in sehr seltenen Fällen ohne andere Bestandteile verabreicht: In der Regel enthält ein tibetisches Arzneimittel mindestens drei verschiedene Substanzen. Die Zusammensetzung folgt nach dem folgenden Prinzip: Es gibt immer Substanzen, die für die Hauptwirkung zuständig sind. Die zweite Substanzgruppe soll diese Hauptwirkung unterstützen. Mit der dritten Substanzgruppe wird eventuellen Nebenwirkungen entgegengewirkt – so die Theorie.

Neben den Pillen gibt es zudem medizinische Suppen, medizinische Butter, Sirupe, Puder, Zäpfchen, Abführ- und Brechmittel.

Die Auswahl von einem oder mehreren Arzneimitteln erfolgt nach der Diagnose und der Erfahrung, die ein tibetischer Arzt im Laufe der Jahre gewonnen hat. Selbstverständlich spielt auch die Verfügbarkeit eine Rolle. Ist ein ideales Arzneimittel zum Zeitpunkt der Behandlung nicht verfügbar, wird auf andere Präparate ausgewichen, die eine vergleichbare Wirkung haben.

Tibetische Kräuterpillen enthalten überwiegend Heilpflanzen

Äußere Heilmethoden: Massage und Eisbaden

Zusätzlich oder alternativ zu den Arzneimitteln kommen in der Tibetischen Medizin auch äußere Heilmittel zum Einsatz. Mit Ausnahme der Inhalation der Düfte durch Räucherstäbchen werden sie aber deutlich seltener angewendet als andere Behandlungsmethoden. Einige dieser Anwendungen sind auch im deutschsprachigen Raum bekannt, wie zum Beispiel Kälteanwendungen mit kaltem Wasser, Eisbaden oder Wechselduschen. Kälteanwendungen kommen bei Galle-Beschwerden zum Einsatz. Auch Massagen mit bestimmten Ölen ist ein bekanntes Therapieverfahren. In der Tibetischen Medizin werden Massagen mit Sesamöl bei Wind-Krankheiten empfohlen. Die Moxabustion (Brennen) von Kräuterkegeln auf der Haut, ist im Westen hingegen eher exotisch anmutend. In der Tat wird die Moxabustion von einem Tibetischen Arzt niemals leichtfertig angewendet. Das Verfahren erfordert viel Erfahrung und kommt beispielsweise bei Schleim-Krankheiten zum Einsatz.

Verhaltensveränderung und Lebensweise

Da Tibeter den Menschen immer als eine „Zusammensetzung“ aus Körper, Geist und Gedanken betrachten, ist es wenig verwunderlich, dass Empfehlungen zum Verhalten und zur Lebensweise eine wichtige Rolle spielen. Kontemplation, Achtsamkeit und Meditation haben in diesem Zusammenhang eine hohe Bedeutung.

Je nachdem wie krank ein Mensch ist, reichen die Empfehlungen jedoch weiter. Leidet ein Patient etwa an einer Depression, wird ausdrücklich empfohlen, dass sich die Person ausschließlich mit Menschen umgibt, die dieser gern hat bis sich die Beschwerden bessern. Personen, die an Verdauungsbeschwerden leiden wird hingegen anempfohlen, dass sie täglich ausgedehnte Spaziergänge machen sollen. Reagiert jemand oft aufbrausend oder aggressiv, sollte sich dieser wortwörtlich abkühlen, sei es durch Kälteanwendungen oder durch den bewussten Aufenthalt an kühlen Orten, zum Beispiel an einem See.

Zusammenfassung

Die Tibetische Medizin ist ein ganzheitliches Medizinsystem und beruht auf Erfahrung. Jeder Mensch wird in der Tibetischen Medizin als ein Bestandteil oder ein Abbild des Universums betrachtet: Er beeinflusst seine Umwelt, wird aber auch durch die Umwelt beeinflusst. Befindet sich dieser Kreislauf im Menschen in einem Gleichgewicht ist er gesund. Wirken aber bestimmte Einflüsse übermäßig stark auf den Menschen ein, kann das Gleichgewicht gestört werden und die Person erkrankt. Daher zielt die Behandlung der Tibetischen Medizin darauf ab, das gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen. 

Um festzustellen in wie weit das Gleichgewicht aus der Balance geraten ist und welche Erkrankung vorliegt, wendet ein Tibetischer Arzt verschiedene Techniken an: Nachfragen, Pulsfühlen und die Untersuchung der Zunge und dem Urin gehören zu den wichtigsten Diagnosemethoden.

In der Therapie kommen Arzneimittel zum Einsatz, die größtenteils aus pulverisierten Pflanzen bestehen. Zudem gibt es ernährungstherapeutische Behandlungen sowie Empfehlungen zum Verhalten und der Lebensweise. Äußere Heilmethoden wie Kälteanwendungen oder Massagen sind in der Tibetischen Medizin ebenfalls gängig. Sie kommen bei speziellen Erkrankungen zum Einsatz.

Literatur und Quellen

Berling-Aumann N. Tibetische Medizin. Hamburg, Diplomaca Verlag 2012.

Dash VB, Dobum Tulku. Positive Health in Tibetan Medicine. Delhi, Sri Satguru Publications 1991.

Finckh E. Grundlagen Tibetischer Heilkunde Band 1. Uelzen, Medizinisch Literarische Verlagsgesellschaft 1975.

Khangkar D. The Buddhist Way of Healing. New Delhi, Roli Books 1998.

Men-Tsee-Khang. Fundamentals of Tibetan Medicine, 3rd edition. New Delhi, Men-Tsee-Khang 1997.

Bitterorange

Bitterorange

Gaumenschmeichler für die einen, Appetitverderber für die anderen: Die andere Version der süßen Orange. 

Bitterorange; Synonym: Pomeranze

Bitterorange: Steckbrief

Arzneipflanze 

Citrus aurantium L.

Pflanzenteile für Arzneien

Schalen der Frucht

Anwendungsformen

Tee und Tinktur

Innerlicher Einsatz

Regulierend bei schlechtem oder übermäßigem Appetit, Verdauungsbeschwerden durch zu wenige Verdauungssäfte und bei leichten Krämpfen 

Es ist Januar. Der 11-jährige Timo geht zusammen mit seinen Eltern am Gardasee spazieren. Die Familie schlendert über eine Promenade, die links und rechts von früchtetragenden Orangenbäumen eingesäumt ist. Es sind Bitterorangenbäume.

Ein Gespräch über bittere Orangen

»Kann man die essen?«, fragt Timo seine Eltern.

»Die Früchte? Ja, klar«, antwortet die Mutter. »Du wirst sie mögen – besonders wenn du mal Bauchschmerzen haben solltest!«

»Warum?«, fragt Timo neugierig. 

»Die Früchte schmecken ein bisschen bitter. Doch ich finde sie lecker, vor allem als Marmelade sind sie toll!«, wirft der Vater ein.

Seine Frau pflichtet ihm bei: »Oh ja, das stimmt! Nach der Marmelade muss man zwar manchmal im Supermarkt etwas suchen, aber lecker ist sie auf jeden Fall. Könnten wir auch selbst machen.«

»Ich glaube, ich mag keine bittere Orangenmarmelade…«, sagt Timo nachdenklich.

»Bitterorangenmarmelade«, korrigiert ihn der Vater.

»Ok, dann eben Bitterorangenmarmelade. Aber warum soll ich die Bitterorangen ausgerechnet bei Bauchschmerzen essen?«

»Du sollst nicht die Bitterorangen essen, sondern einen Tee aus den Schalen trinken. Der bewirkt, dass deine Bauchkrämpfe weniger werden und du das Essen besser vertragen kannst.«

»Ich glaube, dann esse ich lieber Marmelade«, meint Timo.

Der Vater schmunzelt und erklärt: »Das funktioniert leider nicht. Davon müsstest du so viel essen, dass der ganze Zucker wieder neue Bauchschmerzen machen würde.«

»Ihr seid echt kompliziert«, seufzt Timo. »Können wir bitte über etwas anderes sprechen.«

Bittere Schalen durch bittere Flavonoide und ätherische Öle

Ein Gespräch über die Bitterorange ließe sich beliebig erweitern, zum Beispiel darüber, dass die Extrakte aus ihrer Schale oft für die Herstellung von Parfüms genutzt werden. Was aber sorgt für den bitteren Geschmack und den frischen, warmen Duft? Und was haben die Früchte davon? 

Die Schale speichert sekundäre Pflanzenstoffe (Flavonoide) und ätherische Öle. Beide Substanzen schmecken bitter. Die speziellen Flavonoide verleihen der Schale außerdem ihre orangene Farbe und sie halten Fraßfeinde fern, während die Kerne schließlich der Vermehrung der Pflanze dienen. Die ätherischen Öle locken zudem potentielle Bestäuber an und sie schützen die Frucht vor Krankheitsbefall, etwa durch Pilze oder Bakterien. Und der Mensch? Er profitiert von den positiven Wirkungen auf den Appetit und auf die Verdauung.

Die Bitterorange in der Medizin

Anwendungsgebiete mit begründeter und plausibler Wirksamkeit

Die Schalen der Bitterorange haben den Vorteil, dass diese zwar bitter, aber nicht superbitter schmecken. Sie können die getrockneten Schalen als Arznei einsetzen, beispielsweise wenn: 

  • Sie wegen eines Infekts, einer Lebererkrankung, bei einer Krebstherapie oder einer anderen Krankheit unter Appetitlosigkeit leiden. Der Extrakt wirkt appetitregulierend. 
  • Ihre Verdauungsorgane (Magen, Darm, Leber) zu wenige Verdauungssäfte bilden und Sie dadurch  Verdauungsbeschwerden wie leichte Krämpfe, Blähungen und Schmerzen zu beklagen haben.

Anwendungsbereiche aufgrund von Erfahrung und der Studienlage

Bitterorangenschalen werden schon lange in der Naturheilkunde eingesetzt und werden weiter erforscht. Aufgrund von Erfahrungen und Studien könnten die bitteren Schalen helfen, wenn: 

  • Sie abnehmen möchten und zu Heißhunger neigen. Dieses Anwend ungsgebiet beruht auf Erfahrung und erscheint aufgrund der appetitregulierenden Wirkung der Bitterstoffe plausibel. Außerdem wird erforscht, in wie weit Bitterorangenschalen den Fettabbau steigern können.

Die Einzelportion, Tagesmenge und der richtige Einsatz getrockneter Bitterorangenschalen

 

Bitterorangenschalen (Pomeranzenschalen)

Einzelportion

2 Gramm

Tagesmenge

4-6 Gramm

Tagesmenge Trockenextrakt

1-2 Gramm

Einsatz als

Tee, Tinktur, Trockenextrakt

Hochwertige getrocknete Bitterorangenschalen erhalten Sie in der Apotheke und im Reformhaus.

Basisrezepte mit Bitterorange


Bitterorangentee

Übergießen Sie für 1 Portion 1 Teelöffel getrocknete Bitterorangenschalen (2 Gramm) mit rund 150 Millilitern kochend heißem Wasser. Sie können lose Schalen, einen Teefilter oder ein Teeei verwenden. Den Tee zudecken und 10 Minuten ziehen lassen, dann die Schalen abseihen.

Trinken Sie bis zu drei Tassen des Tees aus Bitterorangenschalen eine halbe Stunde vor einer Mahlzeit.

Die Bitterorange als Lebensmittel

Das Fruchtfleisch und kleine Mengen der Bitterorangenschalen sind essbar, sofern sie ungespritzt sind. Allerdings sind die tollen Früchte im deutschsprachigen Raum vergleichsweise unbekannt, in den Wintermonaten jedoch manchmal erhältlich. Ihre Nährwerte sind mit denen von Orangen (etwa 42 Kilokalorien pro 100 Gramm) vergleichbar. Wie die meisten Zitrusfrüchte lieben auch Bitterorangen ein warmes Klima und wachsen daher prima in Südeuropa, zum Beispiel in Italien und Spanien. Nördlich der Alpen findet man den Baum hingegen fast ausschließlich in botanischen Gärten. Bitterorangen werden unter guten Wachstumsbedingungen ungefähr so groß wie eine Mandarine.

Die richtige Menge und der richtige Einsatz

Das Fruchtfleisch der Bitterorange ist essbar und schmeckt erst fruchtig, dann bitter. Es eignet sich für Saftschorlen und zum Verfeinern von Soßen und Gelees. Die Schale kann ebenfalls verwendet werden, um Speisen und Getränken eine besondere Note zur verleihen und passt auch zur Herstellung von Marmelade. 

Basisrezepte mit Bitterorange


Bitterorangenmarmelade

Zutaten für 4 Gläser

✦ 500 Gramm Gelierzucker ✦ 1 Päckchen Zitronensäure ✦ 6 Bitterorangen (Pomeranzen) ✦ etwa 500 Milliliter Orangensaft

  • Zerteilen Sie die Bitterorangen und pressen Sie den Saft aus; am besten direkt in einen Topf. Schneiden Sie die Schalen in feine Streifen.
  • Geben Sie die Schalen zu dem Saft. Füllen Sie die Menge mit Orangensaft auf, bis sie ein Kilogramm ergibt. 
  • Mischen Sie die Zitronensäure und den Gelierzucker nach Packungsanweisung unter und bringen Sie das Ganze anschließend zum Kochen. 
  • Lassen Sie die Fruchtmischung 5 Minuten kochen, schöpfen Sie möglichen Schaum mit einer Schöpfkelle ab und füllen Sie die Marmelade dann in die vorab vorbereiteten Gläser.
  • Verschließen Sie die Gläser und stellen Sie diese 10 Minuten auf den Kopf. Danach muss die Bitterorangenmarmelade noch auskühlen.

Ihre hausgemachte Bitterorangenmarmelade eignet sich hervorragend als Brotaufstrich oder zur Zubereitung von Soßen.

Die unerwünschten Wirkungen der Bitterorange

Wenn Sie mehr täglich als 6 Gramm Bitterorangenschalenextrakte konsumieren, kann bei Einnahme des Arzneimittels Ciclosporin (Mittel zur Unterdrückung des Immunsystems) dessen Wirkung reduziert werden. Theoretisch kann zudem eine erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut bei hellhäutigen Menschen auftreten. Wenn Sie schwanger sind oder Ihr Kind stillen, halten Sie vor Anwendung bitte Rücksprache mit Ihrem Arzt.

Literatur und Quellen

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Aurantii pericarpium (Pomeranzenschale). https://buecher.heilpflanzen-welt.de/BGA-Kommission-E-Monographien/aurantii-pericarpium-pomeranzenschale.htm, Zugriff am 02.12.2018.

Preuss HG et al. Citrus aurantium as a thermogenic, weight reduction replacement for Ephedra: an overview. Journal of Medicine 2002:33:1-4.

Schulz V & Hänsel R. Rationale Phytotherapie. 4. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 1999.

Yu-Chi H. et al. Acute Intoxication of Cyclosporin Caused by Coadministration of Decoctions of the Fruits of Citrus aurantium and the Pericarps of Citrus grandis. Planta Medica 2000:66-653.655.

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Dr. Nadine Berling-Aumann ist Ökotrophologin, promovierte Naturwissenschaftlerin und eine erfahrene Autorin. Im Rahmen eines 10-jährigen Aufenthalts in Nordindien und Nepal forschte sie eingehen zur Tibetischen Medizin. Seit nunmehr mehr als 14 Jahren arbeitet sie an Projekten zu europäischen und tibetischen Heilpflanzen. Ihr umfassendes und fundiertes Wissen über gesunden Ernährung und Kräuterkunde gibt sie seit 2012 in ihrer Ernährungspraxis weiter. Weitere Infos: www.ernaehrungspraxis-dr-berling-aumann.de

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