Ölziehen: der neue Keimkiller?

Ölziehen

Mundgeruch, Zahnschmerz und Kopfschmerzen ade!?

Mundgeruch, Zahnschmerzen, Kopfschmerzen, Schwermetallvergiftungen, Hautkrankheiten, Husten und Gelenkschmerzen sind nur eine kleine Beschwerdeauswahl, bei der die Ölziehkur helfen soll. Hier erfahren Sie wissenswertes über die Hintergründe vom Ölziehen, und wie Sie eine Ölziehkur richtig durchführen.

 
 
Olivenöl ist zum Ölziehen ebenso geeignet wie Sonnenblumenöl und andere Pflanzenöle

Ölziehen: überliefertes Wissen aus der Ukraine 

Gifte und Keime mit Öl binden 

Die Ölziehkur gehört in Europa zu den eher neueren naturheilkundlichen Verfahren und ist erst seit den 1990iger Jahren im deutschsprachigen Raum bekannt. Ihre Ursprünge werden in der ayurvedischen Medizin, Russland und)in der Ukraine gesehen. Ärzte und Heilpraktiker, die das Ölziehen empfehlen vermuten, dass Krankheitskeime wie Bakterien, Pilze und Viren sowie Gifte durch das Öl gebunden werden und so deren Aufnahme in den Körper gebremst werden kann. Durch das Ölziehen sollen sie sich schlechter in der Schleimhaut und der Zunge ablagern können. Daher wird die Ölziehkur immer häufiger zur Krankheitsvorbeugung und als unterstützende Maßnahme bei akuten und chronischen Erkrankungen in Betracht gezogen. Auch wenn für die Wirkung der Ölziehkur wissenschaftliche Nachweise weitestgehend fehlen, könnte sich ein Versuch aufgrund der vielen positiven Erfahrungsberichte lohnen.

Anwendungsgebiete von A wie Aphte bis Z wie Zahnfleischbluten

Die Wirkung bei Ölziehen soll aber nicht nur Giftstoffe entfernen, sondern soll ebenso das Immunsystem anregen und so den Körper vor Infekten schützen: Wird das Öl in der Mundhöhle hin und her bewegt, werden die Speicheldrüsen aktiv und es wird mehr Speichel gebildet. Speichel enthält unter anderem das Enzym Lysozym. Lysozym hat antibakterielle Eigenschaften und fördert den Abbau von bestimmten Bakterien wie zum Beispiel Streptokokken und Staphylokokken. Die Anregung des Immunsystems beruht daher weniger auf dem Öl, sondern vielmehr auf(die) Bewegung einer Flüssigkeit in der Mundhöhle. Mit anderen Worten: Wer den Geschmack und die Konsistenz von Öl nicht mag kann andere Substanzen wie beispielsweise einen Bitterorangentee als Mundspülung anwenden, um die Speichelbildung anzukurbeln.

Info: Ölziehen, Ölsaugen, Ölkauen sind drei Begriffe, die für das selbe Verfahren stehen. Bekannt wurde das Ölziehen durch den Arzt Dr. Karach, der das Verfahren während einer Fachtagung in der Ukraine in den 1990iger Jahren anderen Kollegen vorstellte.

Traditionell wird die Ölziehkur zur Vorbeugung und Behandlung zahlreicher Beschwerden angewendet wie zum Beispiel:

  • Beschwerden im Mund- und Rachenraum wie Aphten (Aphte: schmerzhafte Entzündung im Mund), Zahnfleischentzündung, Zahnfleischbluten, Mundgeruch, Zahnschmerz
  • Gelenkbeschwerden wie Arthrose, Rheuma und Rückenschmerzen
  • Magen-Darmbeschwerden wie Sodbrennen, Verstopfung
  • Hauterkrankungen wie Akne, Neurodermitis, Schuppenflechte und Ekzeme
  • Infekte wie Erkältung, Halsschmerzen und Schnupfen 
  • Kopfschmerzen und Migräne

Ölziehen: was sagt die Wissenschaft?

Die wissenschaftliche Erforschung der Ölziehkur steht im Gegensatz zu dem Erfahrungswissen noch ganz am Anfang. Am besten untersucht ist die Wirksamkeit bei Beschwerden im Mundraum. In einigen Studien stellte sich heraus, dass Ölziehen bei Zahnfleischentzündungen hilft. Ob die Ölziehkur bei Mundgeruch hilft ist hingegen noch nicht ganz klar: In einigen Studien verminderte das Ölziehen unangenehme Gerüche in anderen nicht. Auch zur vorbeugenden Wirkung von Karies liegen erste Erkenntnisse vor: Ölziehen mit Kokosöl erwies sich in einer Studie als ebenso effektiv, wie Chlorhexidin. Chlorhexidin ist ein Desinfektionsmittel, das in vielen Mundspülungen enthalten ist. Eine Alternative zur herkömmlichen Mundhygiene ist die Ölziehkur aber nicht.

In der Summe deuten die ersten Studienergebnisse auf eine positive Wirkung der Ölziehkur zur Vorbeugung und Behandlung von Beschwerden im Mundraum hin. Nun müssen weitere Untersuchungen zeigen, ob die Ölziehkur generell zur Vorbeugung und Behandlung von Beschwerden im Mundraum helfen kann und welche Öle hierfür geeignet sind. Zu allen übrigen traditionellen Anwendungsgebieten muss noch geprüft werden, ob die Annahmen einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten oder nicht.

Traditionell wird Sonnenblumenöl zum Ölziehen verwendet

Ölziehkur richtig durchführen

Öl im Mund halten, aber nicht verschlucken! 

Eine Ölziehkur läuft wie folgt ab: Gehen Sie in den Supermarkt und kaufen Sie ein qualitativ hochwertiges Sonnenblumenöl, Kokosöl, Leinöl, Olivenöl oder Sesamöl. Auch andere Speiseöle sind geeignet. Am nächsten Morgen geben Sie das Öl auf einen Esslöffel und schlürfen es nüchtern und vor dem Zähneputzen. Achtung! Nicht verschlucken. Ziehen Sie das Öl für zehn bis 15 Minuten durch Ihre Mundhöhle und Ihre Zähne hin und her. Ist die Zeit um, dann spucken Sie das Öl aus, spülen Sie den Mund mit warmem Wasser und dann reinigen Sie Ihre Zähne anschließend ausgiebig. 

Wiederholen Sie die Ölziehkur über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen, am besten kurmäßig zweimal im Jahr.

Zusammenfassung

Die Ölziehkur ist ein traditionelles Verfahren bei dem Krankheitskeime und Giftstoffe durch Öl gebunden werden sollen. Durch Ölziehen kann zudem das Immunsystem angeregt werden. Angewendet wird die Ölziehkur zur Vorbeugung und Behandlung zahlreicher Beschwerden wie Hauterkrankungen, Gelenkbeschwerden und Infekte. Wissenschaftlich untersucht wurde die Ölziehkur zur Vorbeugung und Behandlung von Beschwerden im Mundraum, etwa bei Zahnfleischentzündungen und Mundgeruch: erste Ergebnisse deuten auf mögliche positive Wirkungen hin.

Literatur und Quellen

Asokan S, Kumar R, Emmadi P, et al. (2011): Effect of oil pulling on halitosis and microorganisms causing halitosis: a randomized controlled pilot trial. J Indian Soc Pedod Prev Dent 2011:29:90-4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21911944, Zugriff am 02.12.2019.

Aung E, Ueno M, Zaitsu T, et al. (2015): Effectiveness of three oral hygiene regimens on oral malodor reduction: a randomized clinical trial. Trials 2015:16. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=Effectiveness+of+three+oral+hygiene+regimens+on+oral+malodor+reduction%3A+a+randomized+clinical+trial., Zugriff am 02.12.2019.

Gbinigie O, Onakpoya I, Spencer E, et al. (2016): Effect of oil pulling in promoting oro dental hygiene: A systematic review of randomized clinical trials. Complement Ther Med 2016:26:47-54. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=Effect+of+oil+pulling+in+promoting+oro+dental+hygiene%3A+A+systematic+review+of+randomized+clinical+trials., Zugriff am 02.12.2019.

Jauhari D, Srivastava N, Rana V, et al. (2015): Comparative Evaluation of the Effects of Fluoride Mouthrinse, Herbal Mouthrinse and Oil Pulling on the Caries Activity and Streptococcus mutans Count using Oratest and Dentocult SM Strip Mutans Kit. In J Clin Pediatr Dent 2015:8:114-8. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4562043/, Zugriff am 02.12.2019.

Sood P. Devi M, Narang R, et al. (2014): Comparative efficacy of oil pulling and chlorhexidine on oral malodor: a randomized controlled trial. J Clin Diagn Res 2014:8:18-21. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25584309, Zugriff am 02.12.2019.

Johanniskraut

Johanniskraut

Hypericum perforatum

Johanniskraut (Hypericum perforatum)
Johanniskraut (Hypericum perforatum)

Universalpflanze gegen Depression und Muskelschmerz 

Spätestens im Juni zur Sommersonnenwende strahlt das Johanniskraut mit voller Kraft der Sonne entgegen. Es säumt Feldwege ein, und schmückt Wegesränder in Waldnähe.

Zudem ist die Pflanze schwer zu übersehen: Sie erreicht oft eine Wuchshöhe von bis zu einen Meter.

Eine gesellige Pflanze 

Eine Johanniskrautpflanze findet man selten allein: Sie lieben die Gesellschaft anderer Johanniskrautpflanzen und bilden so regelrechte Kolonien, die an den Enden mit immer kleiner werdenden Pflanzen häufig abrupt enden. 

Wer sich bei einem Spaziergang unsicher ist, ob es sich tatsächlich um das Johanniskraut handelt, findet es beim Pflücken leicht heraus: Denn wird ein Stängelchen abgebrochen, so tritt ein rötlicher Pflanzensaft aus. Aber Vorsicht! Dieser Pflanzensaft hinterlässt auf der Haut, den Nägeln und auf der Kleidung seine Spuren indem er sie rötlich verfärbt. 

16 mal Johanniskraut 

Wer das schöne Johanniskraut als Gartenblume anbauen möchte, kann zwischen verschiedenen Sorten wählen: Allein in Europa haben 16 verschiedene Johanniskrautsorten ihre Heimat. Aber auch in Kanada und anderen Ländern kommt die Pflanze vor. Egal auf welchem Teil des Globus ein Johanniskraut zuhause ist: Sie alle sind miteinander verwandt und haben rein äußerlich viel Ähnlichkeit miteinander. Auch in der Zusammensetzung der Inhaltsstoffe wird die Verwandtschaft sichtbar. Hier liegt der Teufel im Detail, denn nicht alle Johanniskrautpflanzen eignen sich für den medizinischen Gebrauch – zumindest nicht aus wissenschaftlicher Sichtweise.

In Europa wird daher nur eine einzige Johanniskrautsorte in der Medizin eingesetzt: Das Hypericum perforatum. Dafür sind die Extrakte aus dem Kraut sehr gut untersucht. Zudem ist das Johanniskraut nach heutigem Wissensstand die einzige Heilpflanze, deren Extrakte bei leichten bis mittelschweren Depressionen ebenso wirksam sind wie synthetische Arzneimittel: Dies ergab die Auswertung von 35 Studien mit insgesamt fast 7.000 Teilnehmern im Jahr 2016. Aber das Johanniskraut kann noch mehr!

Johanniskraut enthält Hypericine und Flavonoide

Eine Besonderheit des Johanniskrauts besteht darin, dass seine Inhaltsstoffe am wirksamsten sind, wenn sie gemeinschaftlich angewendet werden. Mit anderen Worten: Werden einzelne Inhaltsstoffe aus der Pflanze isoliert, so ist deren Wirksamkeit geringer als eine Kombination aller Inhaltsstoffe, da sie sich gegenseitig unterstützen.

Nichts desto weniger enthält Johanniskraut Inhaltsstoffe, die für die Hauptwirkung verantwortlich sind. Genauer gesagt, handelt es sich um sogenannte Hypericine wie Hypericin, Hyperforin und Pseudohypericin. Sie entfalten ihre volle Wirkkraft durch die Anwesenheit von Flavonoiden, ätherischen Ölen, Gerbstoffen und Kaffeesäurederivaten.

In einer exakten Dosierung beeinflussen die Inhaltsstoffe vom Johanniskraut die Kommunikation bestimmter Signalsubstanzen (genauer Neurotransmitter) im Gehirn und mildern dadurch nach und nach depressive Symptome ab.

Das Johanniskraut wird zudem als Johannisöl (Rotöl) angewandt. Es wird anders hergestellt als der Extrakt, der zur Behandlung von Depression zum Einsatz kommt und hat entzündungshemmende und durchblutungsfördernde Eigenschaften.

Das Johanniskraut in der Medizin

Lichtblicke in Zeiten der Traurigkeit

Anwendungsgebiete mit wissenschaftlich gesicherter Wirksamkeit

Johanniskrautextrakte sind nachweislich hilfreich wenn: 

  • Sie von einer leichten oder mittelschweren Depression betroffen und keine anderen Medikamente gegen die Depression einnehmen (Johanniskrautextrakte vertragen sich nicht mit anderen Antidepressiva). Anzeichen einer Depression sind zum Beispiel eine anhaltende gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Interessenverlust aber auch körperliche Symptome wie Schwindel und ungewöhnliche Konzentrationsschwäche.

Achtung! Eine Depression sollte stets von einem Arzt oder einer Ärztin behandelt werden. Diese(r) stellt auch den Schweregrad fest und ist Ansprechpartner für die individuell geeignete Behandlung, wie zum Beispiel eine medikamentöse Therapie und/ oder Psychotherapie. Bei schweren Depressionen ist die Wirksamkeit von Johanniskraut nicht ausreicht. Hier müssen andere Behandlungen erfolgen.

Anwendungsgebiete mit begründeter und plausibler Wirksamkeit

Das Johanniskraut können Sie innerlich als Pflanzenextrakt einsetzen, wenn:

  • Sie etwa durch zu viel Stress mentale Erschöpfung abmildern wollen. 

Zudem können Sie das Johanniskraut als Johannisöl (Rotöl) innerlich anwenden wenn:

  • Sie leichte Magen-Darmbeschwerden (dyspeptische Beschwerden) haben. Bei innerer Anwendung kann das Johannisöl Blähungen, Völlegefühl und leichte Bauchschmerzen abschwächen.

Johannisöl wird zudem äußerlich angewendet. Es kann Ihnen helfen, wenn:

  • Sie Muskelschmerzen haben, etwa durch einen Muskelkater oder eine Verspannung.
  • Sie wunde Haut haben, zum Beispiel durch eine kleine Schnittverletzung, einen Insektenstich, einen Sonnenbrand oder einer Entzündung der Haut.

Die Einzelportion, Tagesmenge und der richtige Einsatz von Johanniskrautextrakt und Johannisöl

Die Wirksamkeit von Johanniskrautextrakt und Johannisöl unterscheiden sich. Daher variieren auch die Einnahmeempfehlungen zu den Einzelportionen und der Tagesmenge.

 

Einzelportion

Tagesmenge

Einsatz

Johanniskrautextrakt

250-800 Milligramm (je nach Präparat)

900-1.800 Milligramm in 1-3 Einnahmeportionen (je nach Präparat)

als Arzneimittel

Johannisöl (innere Anwendung)

3 Gramm (kleiner Teelöffel)

9 Gramm in 3 Einnahmeportionen

pur oder ins Lebensmittel eingerührt

Johannisöl (äußere Anwendung)

5 Gramm oder mehr (je nach Fläche)

Keine

direkt auf die betroffene Hautstelle

Achtung! Johanniskrautextrakte sollten bei einer Depression immer in Form von Fertigarzneimitteln aus der Apotheke angewendet werden. Nur die Anwendung als Arzneimittel hilft garantiert gegen die Symptome der Depression. Gründe hierfür sind beispielsweise die gleichmäßige und ausreichend hohe Dosierung sowie eine geprüfte Qualität.

Eine Anwendung als Tee ist bei mentaler Erschöpfung möglich.

Johannisöl eignet sich hingegen prima als Hausmittel, das Sie selber herstellen können.

Basisrezepte mit Johanniskraut

Johanniskraut-Tee für mentale Stärke

Übergießen Sie für eine Portion einen gestrichenen Teelöffel getrocknetes Johanniskraut (etwa zwei Gramm) mit rund 150 Millilitern 60-80° Celsius heißen Wassers. Sie können loses Kraut, einen Teefilter oder ein Tee-Ei verwenden. Den Tee zudecken und zwei bis fünf Minuten ziehen lassen, dann Kraut absieben.

Genießen Sie täglich 2 Tassen Johanniskraut-Tee.

Johannisöl bei Magen-Darmbeschwerden

Setzen Sie 25 Gramm frische und zerstoßene Johanniskrautblüten, junge Blätter und Blütenknospen mit 100 Millilitern Pflanzenöl (etwa Mandel- oder Olivenöl) in einer Braunglasflasche an. Lassen Sie die Mischung sechs Wochen lang ziehen, regelmäßig schütteln. Wenn das Öl eine kräftige, rote Farbe hat werden die Pflanzenbestandteile abgesiebt. 

Nehmen Sie zur Vorbeugung oder Behandlung von MagenDarmbeschwerden 1 Teelöffel (3 Gramm) vor oder mit einer Mahlzeit ein. Täglich können Sie bis zu drei Portionen einnehmen.

Johannisöl bei Hautbeschwerden

Setzen Sie 25 Gramm frische und zerstoßene Johanniskrautblüten, junge Blätter und Blütenknospen mit 100 Millilitern Pflanzenöl (etwa Mandel- oder Olivenöl) in einer Braunglasflasche an. Lassen Sie die Mischung sechs Wochen lang ziehen, regelmäßig schütteln. Wenn das Öl eine kräftige, rote Farbe hat werden die Pflanzenbestandteile abgesiebt. 

Tragen Sie das Johannisöl bei Muskelschmerzen, leichten Verletzungen der Haut, Sonnenbrand oder Insektenstich zwei bis drei mal pro Tag auf die betroffenen Hautstellen auf, und massieren Sie es sanft ein.

Die unerwünschten Wirkungen vom Johanniskraut

Bei einer bekannten Lichtempfindlichkeit der Haut dürfen keineJohanniskraut-Extrakte angewendet werden, weil das direkte Sonnenlicht sonnenbrandähnliche Symptome hervorrufen kann. 

Zur Behandlung von schweren Depressionen ist Johanniskraut nicht geeignet. Die Wirkung reicht nicht aus. Johanniskrautextrakte können Wechselwirkungen mit gleichzeitig eingenommenen Arzneimitteln auslösen und deren Wirkung herabsetzen. Es handelt sich um Arzneimittel, die zur Unterdrückung von Abstoßungsreaktionen gegenüber Transplantaten eingesetzt werden, zur Behandlung von HIV-Infektionen oder AIDS, Zytostatika mit Ausnahme von monoklonalen Antikörpern, Gerinnungshemmer, trizyklische Antidepressiva, hormonelle Empfängnisverhütungsmittel und die Arzneien Simvastatin, Verapamil, Digoxin, Theophyllin, Midazolam.

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Literatur und Quellen

Apaydin E, Maher A, Shanman R, et al. (2016), „A systematic review of St. John’s wort for major depressive disorder.,“ Syst Rev ,1un. 5:148, Sep 2016.

European Medicines Agency, „COMMUNITY HERBAL MONOGRAPH ON HYPERICUM PERFORATUM L., HERBA (WELL-ESTABLISHED MEDICINAL USE),“ 12 Nov 2009. [Online]. Available: https://www.ema.europa.eu/en/documents/herbal-monograph/final-community-herbal-monograph-hypericum-perforatum-l-herba-well-established-medicinal-use_en.pdf. Zugriff am 19.11.2019.

Hänsel, R. und Sticher, O. Pharmakognosie – Phythopharmazie. 8. Auflage. Heidelberg : Springer Medizin Verlag, 2007.

World Health Organization (WHO). WHO monographs on selected medicinal plants. Volume 2. WHO, Geneva 2004.

Hinweise

Dieser Artikel kann niemals den ärztlichen, oder den von anderen medizinischen Fachleuten (zum Beispiel Psychotherapeuten, Ernährungtherapeuten und Heilpraktiker) Rat, eine Untersuchung, Diagnose und Therapie ersetzen. Bitte nehmen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden stets professionelle Unterstützung im Anspruch. 

Der vorliegende Text wurde mit Sorgfalt erarbeitet. Trotzdem erfolgen alle Angaben ohne Gewährleistung. Weder die Autorin noch andere Beteiligte können für mögliche Schäden oder Nachteile für die in diesem Werk vorgestellten Informationen hervorgehen haften.

 

Fructoseintoleranz

Fructoseintoleranz

Häufige Unverträglichkeit bei Kindern und Erwachsenen 

Die Fructoseintoleranz ist eine Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker aus Obst und anderen fruchtzuckerreichen Lebensmitteln. Betroffene leiden oft unter Blähungen, Bauchschmerzen und Übelkeit. Auch depressive Verstimmungen werden mit der Lebensmittelunverträglichkeit in Verbindung gebracht. Hier erfahren Sie Wissenswertes über die Entstehung und Diagnose der Fructoseintoleranz. Welche Veränderungen in der Ernährung helfen können, um die Symptome zu lindern, lesen Sie ebenfalls in diesem Artikel.

Eigenschaften der Fructoseintoleranz

Fructoseintoleranz: Was ist das?

Die Fructoseintoleranz ist eine Unverträglichkeit gegenüber dem Kohlenhydrat Fructose, auch Fruktose oder Fruchtzucker genannt. Sie kann in jedem Lebensalter auftreten: Sowohl Kinder und Erwachsene können betroffen sein. Schätzungen zufolge sind zwischen 20 und 30 Prozent der Menschen von der Fruktoseunverträglichkeit betroffen. Allerdings haben nicht alle Personen mit einer Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker dieselben Symptome. Auch die Symtomstärke kann variieren: Während manche Menschen mit diagnostizierter Fructoseintoleranz nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel für einige Stunden Blähungen haben, leiden andere noch Tage danach an Beschwerden wie Übelkeit und Bauchkrämpfen.

Info!

Für die Fructoseintoleranz gibt es keine einheitliche Schreibweise. Andere gängige Bezeichnungen sind: Fructosemalabsorption, Fruktoseintoleranz und Fruchtzuckerunverträglichkeit. Gemeint ist aber im allgemeinen Sprachgebrauch dasselbe.

Ursache und Symptome der Fructoseintoleranz

Ursache für die Fructoseintoleranz ist ein Mangel an einem Transportenzym, das GLUT-5 heißt. GLUT-5 wird im Dünndarm gebildet. Seine Aufgabe besteht darin, Fruchtzucker durch die Zellen vom Dünndarm zu schleusen, sodass ein Transport in die Leber möglich ist. Dort wird der Fruchtzucker natürlicherweise weiterverarbeitet. 

Wie viel GLUT-5 produziert wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich: Fruchtzucker ist anders als Traubenzucker (Glucose) kein überlebensnotwendiges Kohlenhydrat. Daher ist die gebildete Menge an GLUT-5 bei jedem Menschen begrenzt. Das bedeutet, dass auch Personen, die nicht von einer Fructoseintoleranz betroffen sind nach dem Verzehr großer Fruchtzuckermengen Beschwerden entwickeln können. Menschen mit Fructoseintoleranz vertragen jedoch vergleichsweise weniger Fruchtzucker als Personen ohne Fructoseintoleranz.

Ist die Menge an GLUT-5-Transportern aufgebraucht, kann kein Fruchtzucker in den Körperkreislauf aufgenommen werden. In Folge gelangt der überschüssige Fruchtzucker in den Dickdarm und wird dort von Bakterien zersetzt. Dadurch kommt es zu Beschwerden wie Blähungen und Blähbauch, Bauchschmerzen und breiigen Stuhlgang bis Durchfall. Auch Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung sind mögliche Symptome bei Fructoseintoleranz.

Zudem wird ein Zusammenhang zwischen der Fructoseintoleranz und depressiven Verstimmungen diskutiert. Es wird vermutet, dass überschüssiger Fruchtzucker die Bildung des Botenstoffs Serotonin hemmt. Serotonin gilt als Gute-Laune-Hormon.

Info!

Es gibt zwei Formen der Fructoseintoleranz. Die häufigste Form ist die Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker, bei der Beschwerden durch eine zu große Verzehrmenge ausgelöst werden. Zudem gibt es die sogenannte hereditäre Fructoseintoleranz (HFI). Die HFI ist eine seltene und angeborene Stoffwechselstörung, bei der die Fructose nicht abgebaut werden kann. Bei der HFI muss der Verzehr von Fruchtzucker ein Leben lang gemieden werden. Der Begriff Fructoseintoleranz bezieht sich in diesem Artikel auf die Unverträglichkeit und nicht auf HFI.

Bauchschmerzen und Blähungen sind typische Symptome der Fruchtzuckerunverträglichkeit.

Fructose und Sorbit: Zwei Konkurrenten

Sorbit ist ein Zuckeraustauschstoff (Zuckeralkohol) der natürlicherweise in bestimmten Obstsorten wie Äpfeln, Birnen und Pflaumen vorkommt. Bei einer Fructoseintoleranz kann Sorbit zudem die Symptome verschlimmern. Hierfür gibt es zwei Ursachen: Zum einen blockiert Sorbit das Enzym GLUT-5. Dadurch wird der Fruchtzuckertransport weiter eingeschränkt. Weiterhin hat Sorbit osmotische Eigenschaften: Es entzieht dem Darm Wasser und macht den Stuhl dadurch breiig bis wässrig. Sorbit kommt zum wie andere Zuckeralkohole etwa als Süßungsmittel in Bonbons oder Kaugummis vor. Durch seine Eigenschaften ist daher auf den Verpackungen der Warnhinweis „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“ zu finden. Personen mit einer Fructoseintoleranz sollten grundsätzlich sorbithaltige Lebensmittel meiden.

Folgen der Fructoseintoleranz

Besteht die Fructoseintoleranz über einen langen Zeitraum und wird nicht behandelt, kann es zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität kommen: Ständige Schmerzen im Bauchraum, Durchfälle und Übelkeit können etwa häufige Fehltage in der Schule oder Krankmeldungen bei der Arbeit begünstigen. Auch die Leistungsfähigkeit und die Teilhabe an gesellschaftlichen Aktivitäten wie zum Beispiel Sportveranstaltungen kann durch anhaltende Beschwerden beeinträchtigt werden. Bestehen Symptome wie Erbrechen oder Durchfälle, entwickeln Betroffene zudem oft Angst etwa vor Reisen: Die Furcht keine Toilette finden zu können, ist manchmal ein Grund eine Reise abzusagen. 

Dementsprechend ist es wichtig, die Symptome der Fructoseintoleranz ernst zu nehmen und die Beschwerden zu behandeln.

Diagnose der Fructoseintoleranz

Atemtest

Die Diagnose der Fructoseintoleranz erfolgt in den meisten Fällen durch einen Atemtest beim Arzt. Durchgeführt wird der sogenannte Wasserstoff-Atemtest (H2-Atemtest) zumeist in Facharztpraxen für Magen-Darmbeschwerden (Gastroenterologie) oder Innere Medizin. Besteht der Verdacht auf Fructoseunverträglichkeit nimmt der Patient oder die Patientin 25 Gramm Fruchtzucker zusammen mit 250 Millilitern Wasser auf nüchternen Magen ein. Anschließend wird die Menge an Wasserstoff in der Atemluft über einen Gesamtzeitraum von bis zu drei Stunden gemessen. Üblicherweise liegen zwischen den einzelnen Messungen etwa 20 Minuten. Steigt der Wasserstoffwert in diesem Zeitraum auf über 20 Anteile pro Million (kurz: 20 ppm) zusammen mit typischen Beschwerden auf, wird von Fructoseintoleranz gesprochen.

Ernährungstagebuch führen

Ergänzend zum Atemtest kann das Aufschreiben aller Speisen und Getränke in einem Ernährungs- und Beschwerdetagebuch hilfreich sein. In dem die Lebensmittel zusammen mit der Uhrzeit des Verzehrs und der Uhrzeit von bestimmten Beschwerden genau erfasst werden, können Auslöser leichter identifiziert werden. Üblicherweise dient das Ernährungstagebuch auch als ein Hilfsmittel für Mediziner und eine Ernährungsfachkraft: Das Aufschreiben erleichtert die Identifikation beschwerdeauslösender Lebensmittel, beziehungsweise ab welcher Menge ein Lebensmittel zu Symptomen führt.

Therapie bei Fructoseintoleranz

Auslöser kennen und vermeiden

Nachdem die Diagnose „Fructoseintoleranz oder Fructosemalabsorbtion“ von einem Arzt gestellt wurde, stellt dieser idealerweise eine Verordnung für eine Ernährungstherapie aus. Sie wird von den gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst oder voll übernommen. Diese Verordnung belastet das Praxis-Budget nicht und kann formlos ausgestellt werden. Die Ernährungstherapie beinhaltet üblicherweise zwischen drei und sechs Sitzungen und hat das Ziel die Beschwerden zu reduzieren oder eine Beschwerdefreiheit zu erreichen.

Neben einer allgemeinen Schulung über die Fructoseintoleranz werden die Betroffenen Schritt für Schritt an die Thematik herangeführt. Dabei werden notwendige Kenntnisse über Lebensmittel vermittelt, die besonders viel Fruchtzucker enthalten, wie zum Beispiel Birnen, Pflaumen und Trockenobst im Allgemeinen. Die Stärkung der eigenen Kompetenz spielt demnach eine wichtige Rolle. Bislang ist eine fruchtzuckerarme Ernährungsweise die einzige wirksame Therapie bei Fructoseintoleranz.

Es gibt aber auch Mediziner, die den Betroffenen einen Merkzettel geben oder Literaturempfehlungen aussprechen und keine Ernährungstherapie verordnen.

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Diät halten, aber richtig

Äpfel enthalten besonders viel Fruchtzucker und Sorbit.

Die Ernährungstherapie wird üblicherweise in drei Phasen durchgeführt. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass Menschen mit einer diagnostizierten Fructoseintoleranz trotzdem kleine Mengen fruchtzuckerhaltiger Lebensmittel verzehren können. Im Tagesverlauf werden zumeist bis zu 20 Gramm Fruchtzucker vertragen.

Phase 1 – die Diätphase: Die Ernährungstherapie bei Fructoseintoleranz startet mit einer Reduktion der Fructoseaufnahme. Auch sorbithaltige Lebensmittel werden in dieser Zeit gemieden, da sie die Beschwerden verschlimmern können. Während eines Zeitraums von maximal zwei Wochen werden ausschließlich Lebensmittel verzehrt, die wenig Fruchtzucker enthalten oder ein gutes Fruchtzucker-Traubenzucker-Verhältnis haben. Ein Beispiel hierfür ist die Banane. Durch ihr günstiges Verhältnis der Fruchtzucker- und Traubenzuckermenge, kann der Fruchtzucker leichter vom Körper aufgenommen werden. Mit anderen Worten: Traubenzucker kann die Aufnahme von Fruchtzucker verbessern. 

Andere Lebensmittel mit einem günstigen Verhältnis sind zum Beispiel Mandarinen und Litschi. Gemüse kann in dieser Phase verzehrt werden. Allerdings sollten stark blähende Sorten wie Kohl oder Zwiebeln mit Obacht genossen werden. Vorsicht ist zudem bei sogenannten Sportgetränken und vielen Süßigkeiten geboten: Sie werden oft mit Fruchtzucker gesüßt und können so zu Beschwerden führen. Ob auf Kristallzucker verzichtet werden sollte, ist zumeist von der Beschwerdestärke abhängig und ist individuell zu entscheiden. Viele Betroffene profitieren von einer zuckerarmen Ernährungsweise. Es gibt aber auch Menschen bei denen Kristallzucker keinen Einfluss auf die Beschwerden hat.

Fünf fruchtzuckereiche und fruchtzuckerarme Obstsorten

Fruchtzuckerreich

Fruchtzuckerarm

Apfel

Banane

Birne

Brombeere

Kaki

Honigmelone

Kirsche

Litschi

Wassermelone

Mandarine

Phase 2 – die Testphase: In der Testphase werden verschiedene Obstsorten und andere fruchtzuckerreiche Lebensmittel nach und nach ausgetestet. Die bis zu sechswöchige Phase dient dazu, herauszufinden wo die persönliche Verträglichkeitsgrenze liegt. Auch der Zeitpunkt der Fruktoseaufnahme spielt eine wichtige Rolle: Wird im ersten Schritt ein fruchtzuckerarmes Lebensmittel verzehrt, zum Beispiel Knäckebrot mit Kräuterquark oder eine Scheibe Mischbrot mit Erdnussbutter, werden fruchtzuckerreiche Lebensmittel im Anschluss oft besser vertragen. Der Grund hierfür ist, dass sich die Lebensmittel vermischen und erst nach und nach an den Dünndarm weitergegeben werden. Dadurch können sich die GLUT-5-Transporter erneuern. Während der Testphase werden Zuckeralkohole aber weiterhin gemieden.

Phase 3 – Übergang in die Dauerernährung: Nachdem die persönliche Verträglichkeitsgrenze ermittelt wurde, werden individuelle Empfehlung für die Ernährung der Betroffenen ausgesprochen. Dabei geht es etwa um die Anzahl der täglichen Mahlzeiten und den Rhythmus. Idealerweise ist der Betroffene zu diesem Zeitpunkt beschwerdefrei oder die Beschwerden wurden auf ein individuell annehmbares Maß reduziert.

Nahrungsergänzungsmittel, Enzyme und Probiotika: Die Lösung für Betroffene?

Nahrungsergänzungsmittel

Bei einer Fructoseintoleranz kann der Tryptophanspiegel im Blut absinken, wie die Ergebnisse einer Beobachtungsstudie nahelegen. Tryptophan ist eine lebenswichtige Aminosäure und eine Vorstufe zum Beispiel vom „Glückshormon“ Serotonin. Unter Umständen nimmt der Darm bei Menschen mit Fructoseintoleranz durch die Störung Tryptophan schlechter auf. Mögliche Folgen können beispielsweise depressive Verstimmungen und Antriebslosigkeit sein. Aus diesem Grund wird derzeit untersucht, welchen Einfluss Tryptophan bei Menschen mit Fructoseintoleranz hat. Derzeit ist aber noch nicht bekannt, ob die Einnahme von Tryptophan einen Nutzen für Menschen mit Fructoseintoleranz hat. Es fehlen Studien.

Ist die Lebensmittelauswahl durch Fructoseintoleranz über einen längeren Zeitraum (Monate oder Jahre) stark eingeschränkt, sodass etwa nur wenig Gemüse und Vollkornprodukte verzehrt werden, kann die Gefahr eines Nährstoffmangels steigen. In diesem Fall ist es sinnvoll, die Versorgung etwa mit B-Vitaminen wie Folsäure, Vitamin C oder Magnesium vom Arzt prüfen zu lassen. Besteht ein Mangel, sollte dieser ausgeglichen werden.

Enzymersatztherapie

Das Enzym Glucose-Isomerase soll Fruchtzucker im Dünndarm zu Traubenzucker umwandeln und dadurch Beschwerden vermeiden. Erhältlich ist das Enzym als Medizinprodukt. Die Wirksamkeit ist umstritten.

Probiotika

Bei der Fructoseintoleranz besteht die Möglichkeit, dass die Zusammensetzung der Darmflora ursächlich an den Beschwerden beteiligt ist. Eine kürzlich veröffentlichte Laborstudie legte offen, dass das Bakterium Lactobacillus fermentum bei Fructoseintoleranz helfen kann. Erste Wasserstoff-Atemtests mit Patienten, die das Bakterium eingenommen hatten, führten zu einem positiven Ergebnis. Nun müssen systematische Studien am Menschen klären, ob und in wie weit das Probiotikum bei Fructoseunverträglichkeit helfen kann.

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Zusammenfassung

Die Fructoseintoleranz (Fructosemalabsorbiton) gehört zu den häufigsten Kohlenhydratunverträglichkeiten. Etwa jede dritte bis vierte Person ist davon betroffen. Fruchtzucker (Fructose) ist vor allem in Obst zu finden. Er wird aber auch als Süßungsmittel etwa von Getränken, Süßigkeiten und Backwaren eingesetzt. Besonders häufig treten Symptome wie Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall auf. Auch eine Neigung zu depressiven Verstimmungen wird diskutiert, ist aber nicht bewiesen.

Nach der Diagnose durch einen Arzt erfolgt im Idealfall eine Ernährungstherapie, die in drei Stufen abläuft und das Ziel der Beschwerdefreiheit oder Beschwerdereduktion hat. Bislang ist eine fruchtzuckerarme Ernährungsweise die einzige wirksame Therapie bei Fructoseintoleranz. Bestimmte fruchtzucker- und sorbithaltige Lebensmittel werden dann für einen bestimmten Zeitraum oder ein Leben lang gemieden.

Ob die Einnahme bestimmter Probiotika und Enzymersatzpräparate die Ursachen und Beschwerden lindern können wird derzeit erforscht. Auch ein Zusammenhang zwischen einem niedrigen Tryptophanspiegel und möglichen depressiven Verstimmungen ist derzeit Gegenstand der Forschung.

Literatur und Quellen

Goroncy K (2019): Präklinische Studie: Probiotika als neue Therapieoption bei intestinaler Fruktoseintoleranz. Ernährung & Medizin 2019:34:122-6. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/a-0831-6177.pdf, Zugriff am 18.11.2019.

Ledochowski M, Widner B, Murr C, et al. (2001): Fructose malabsorption is associated with decreased plasma tryptophan. Scand J Gastroenterol 2001:36:367-71. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11336160, Zugriff am 18.11.2019.

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Tibetische Medizin: Einblick in das Gesundheitssystem vom Dach der Welt

Tibetische Medizin

Einführung in das Medizinsystem vom Dach der Welt

Die Tibetische Medizin ist ein ganzheitliches Medizinsystem. Es basiert auf Überlieferungen, Beobachtungen und langer Tradition. Bis zur Mitte der 1950-iger Jahre hatten die Menschen in Tibet (China) keinen Zugang zur westlichen Medizin. Krankheiten wurden daher weitestgehend ohne Einflüsse anderer Kulturen diagnostiziert und behandelt. Was aber können Menschen im Westen von der Tibetischen Medizin lernen? In diesem Beitrag lesen Sie, was Tibetische Medizin ist und wie Tibeter Gesundheit und Krankheit beurteilen. Sie erfahren zudem wissenswertes darüber, wie tibetische Ärzte eine Krankheit diagnostizieren und welche Behandlungsmethoden in der Tibetischen Medizin gängig sind.

Tibetische Medizin: Erfahrungsmedizin vom Dach der Welt

Unterwegs zu Fuß oder mit dem Pferd in luftiger Höhe

Lhasa ist die Hauptstadt der autonomen Region Tibet in China und liegt auf etwa 3.600 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort aus beträgt die Luftlinie bis nach Berlin in Deutschland mehr als 6.600 Kilometer. Da Tibet geographisch gesehen das am höchsten gelegene Land der Erde ist, wird es oft als Dach der Welt bezeichnet. Bis in die 1950-iger Jahre war Tibet weitestgehend von anderen Staaten abgekapselt, was einen Einfluss auf die Tibetische Medizin ausübte. Auch die Infrastruktur war anders als etwa in benachbarten Staaten wie Indien: Asphaltierte Straßen existierten ebensowenig wie Flughäfen. Da es keine Autos gab, war das wichtigste Fortbewegungsmittel das Pferd. Tagelange Wanderungen waren ebenfalls die Regel um vom einen Ort zum nächsten zu gelangen.

Aufgrund der Höhe ist die Vegetation darüber hinaus begrenzt: pflanzliche Lebensmittel wie Gerste und Spinat konnten aber angebaut werden und bildeten neben tierischen Lebensmitteln wie Butter, Fleisch und Fisch eine wichtige Nahrungsgrundlage. In der Tibetischen Medizin wird zudem jedem Lebensmittel eine Wirkung auf die Gesundheit zugesprochen: Sie spielen sowohl in der Prophylaxe und Behandlung von Krankheiten eine große Rolle. Die Ernährung ist daher ein fester Bestandteil der Therapie und mit anderen Behandlungsmethoden wie der Arzneimitteltherapie, äußeren Heilmethoden und Verhaltenstherapie gleichwertig.

Die Farben der Gebetsflaggen symbolisieren die Elemente.

Tibetische Medizin: Überlieferung von Erfahrungen

Das Wissen der tibetischen Ärzte beruhte über Jahrhunderte hinweg auf mündlichem und schriftlichem Erfahrungswissen. Sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben oder von Lehrer zu Schüler, etwa innerhalb einer Familie. Auch eine Ausbildung im Kloster war möglich. Heute kann die Tibetische Medizin in China und anderen Ländern zudem an Universitäten studiert werden. Eine traditionelle Ausbildung ist aber weiterhin möglich. 

Trotz der abgeschiedenen und schwer erreichbaren Lage Tibets, bestand aber dennoch ein Austausch mit anderen Kulturen. Pflanzen, die in Tibet nicht wuchsen, wurden etwa in Indien, Nepal oder in Bhutan eingekauft. Das erklärt auch, weswegen wichtige tibetische Heilpflanzen tropische und subtropische Pflanzen sind: Sie stammen etwa aus Indien und wurden der Erfahrungen wegen in die Tibetische Medizin integriert.

Die vier Leitfäden (rGyud bzi) sind bis heute das wichtigste Lehrbuch für tibetische Ärzte.

Länder in denen Tibetische Medizin praktiziert wird

Zwar hat die Tibetische Medizin in Tibet ihren Ursprung. Sie wird aber zusätzlich zu anderen traditionellen Heilverfahren und der Schulmedizin auch in anderen Ländern praktiziert. In dem Himalaya-Staat Bhutan etwa oder in vielen Nordindischen Bundesstaaten ist die Tibetische Medizin gängig. Eine der größten Medizinschulen befindet sich etwa im nordindischen Dharamsala, dem Men-Tsee-Khang. Aber auch in Nepal, in der Mongolei und in der Schweiz hat die Tibetische Medizin einen Stellenwert.

Info!

Die Schweiz ist eines der wenigen europäischen Länder, die in den 1950-iger Jahren tibetische Flüchtlinge aufgenommen hat. Daher hat sich die Tradition der Tibetischen Medizin dort verankert und ist bis heute relevant.

Wie ein tibetischer Arzt Gesundheit und Krankheit beurteilt

Über den Kosmos, oder: über Wechselbeziehungen 

Aus tibetischer Sichtweise ist ein Lebewesen eine Verknüpfung aus Körper, Geist und Gedanken. Zudem ist jedes Lebewesen, jede Pflanze und jeder Stein aus tibetisch-medizinischer Sichtweise ein eigenständiger Mikrokosmos. Dieser Mikrokosmos stellt ein Abbild des Universums, dem Makrokosmos, als eine verfeinerte und individuelle Form dar. Damit ist gemeint, dass der Mensch ein Bestandteil eines größeren Systems ist, er dieses System beeinflusst und von ihm beeinflusst wird. Mit anderen Worten: ein Gespräch, Freude und Trauer beeinflusst die Gesundheit des Menschen ebenso wie Umweltfaktoren, die Ernährung, das Wetter und der Ort an dem sich eine Person befindet. Ein Spaziergang am Strand bei Sonnenschein wird bei den meisten Menschen vermutlich andere Gedanken erzeugen als in einem Verkehrsstau bei gleichzeitigem Termindruck. 

Neben der Sichtweise darauf, wie bestimmte Faktoren auf den einzelnen Menschen wirken, bezieht die Sichtweise der tibetischen Tradition zudem mit ein, was ein Lebewesen durch seinen Körper, seinen Geist und seine Gedanken bewirkt. Das bedeutet, dass beispielsweise ein Gespräch zwischen zwei Menschen immer die Gedanken, die Gefühle und das Handeln beider Gesprächspartner beeinflusst. Die Beeinflussung beschränkt sich aber nicht nur auf zwischenmenschliche Faktoren, sondern ist auf jeden Bereich übertragbar. Zum Beispiel übt die Art zu reisen einen Einfluss auf die Umwelt aus: Die Umwelt beeinflusst den Menschen und der Mensch beeinflusst die Umwelt. Alles steht mit allem in einer Wechselbeziehung.

Gesundheit aus tibetischer Sicht

Aus tibetischer Sichtweise setzt sich das Universum aus fünf Elementen zusammen: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum. Diese Elemente befinden sich bei einem gesunden Lebewesen in einem individuellen Gleichgewicht, so die Theorie. Um herauszufinden, ob ein Mensch gesund ist, bestimmt ein tibetischer Arzt die Elemente aber nur indirekt. Verwendet werden hierfür bestimmte Regulatoren, die sogenannten Nyes-pa. In der Tibetischen Medizin gibt es drei Nyes-pa: rLung (Wind), Bad-kan (Schleim) und mKhris-pa (Galle). Wind steht wörtlich und symbolisch für das Element Wind, Schleim symbolisiert Erde und Wasser und Galle steht für das Element Feuer. Der Raum wird nicht gemessen, er wird als übergeordnetes Element betrachtet.

Um herauszufinden, ob sich die Regulatoren im Gleichgewicht befinden, stehen dem tibetischen Arzt verschiedene Methoden zur Verfügung, zum Beispiel Untersuchung der Zunge oder des Urins, Pulsfühlen oder bestimmte Fragetechniken.

Info!

Aus tibetischer Sicht spiegeln sich die Regulatoren (Nyes-pa) zudem in der Persönlichkeit und Konstitution wieder. Ihr Anteil wird nur in den seltensten Fällen in einem Menschen exakt 33,33 Prozent betragen. Im Normalfall ist ein einzelner Regulator eher dominant. Das ist normal. Eine Person mit einem Überhang an „Wind“ wird hinsichtlich ihrer Persönlichkeit und Konstitution beispielsweise eher ein nachdenklicher und zurückhaltender Mensch sein. Ein Mensch in dem der Regulator „Schleim“ dominiert ist hingegen oft geschäftig, viel in Bewegung und fühlt sich in Gesellschaft wohl. Ist der Regulator „Galle“ stärker als Wind und Schleim ausgeprägt wird es die Person nach tibetischer Auffassung lieben im Rampenlicht zu stehen. „Galle-Typen“ neigen – je nach Situation – eher dazu impulsiv und angriffslustig zu reagieren. 

Krankheit aus tibetischer Sicht

Gerät ein Regulator aus dem Gleichgewicht und nimmt zu oder ab, ist die Gesundheit aus tibetischer Sichtweise beeinträchtigt. Auf lange Sicht kann sich dadurch eine Krankheit entwickeln. 

Zum Beispiel gehen Wind-Beschwerden oft mit Schmerzen, Müdigkeit, Kältegefühlen und einem ruhelosen Geist einher. Kennzeichen von Galle-Beschwerden sind hingegen häufige Kopfschmerzen, Magenschmerzen nach einer Mahlzeit, Hitzegefühle oder häufiges Schwitzen. Typische Zeichen für einen Überschuss des Nyes-pa Schleim sind etwa Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, Blähungen, innere Kältegefühle und kalte Haut.

Info!

Wind- und Schleimkrankheiten werden in der Tibetischen Medizin immer als Kältekrankheiten bezeichnet. Gallekrankheiten sind immer auf Hitze zurückzuführen. Zudem sind Mischtypen möglich. Die Ausprägung von Kälte und Hitze wird beispielsweise durch Faktoren wie das Wetter, die Stimmung, Erlebnisse und Lebensmittel beeinflusst.

Da die Regulatoren nie statisch sind, verändern sie sich im Körper ständig: Während etwa am frühen Morgen durch einen schlechten Traum ein Überschuss an Wind vorliegen kann, ist es möglich das der Regulator im Laufe des Tages zurück in die Balance gelangt, weil der Mensch beispielsweise den Traum gedanklich verarbeitet und schlechte Emotionen aufgelöst hat. Gerät ein Nyes-pa also kurzzeitig in eine Schieflage, ist noch nicht von einer Krankheit die Rede. Krank ist ein Mensch erst dann, wenn das Ungleichgewicht dauerhaft über einen längeren Zeitraum, etwa für Tage, Monate und Jahre bestehen bleibt und Beschwerden verursacht.

Dokumentiert sind in der Tibetischen Medizin 404 verschiedene Krankheiten, deren Übersetzung in eine westliche Sprache allerdings weitestgehend unverständlich bleibt. Da bei allen Krankheiten jedoch bestimmte Symptome bekannt sind und Behandlungen vorgeschlagen werden, können sie als Syndrome umschrieben werden. Die tibetische Krankheitsbezeichnung „Herz-Wind“ wird verständlicher wenn erklärt wird, dass die Krankheit durch innere Unruhe und übermäßiges Grübeln ausgelöst werden kann. Zu den Symptomen der Herz-Wind-Krankheit gehören beispielsweise Selbstgespräche, übermäßiger Bewegungsdrang und Kopfschmerzen.

Gespräche, Pulsfühlen und Beobachten: Diagnosemethoden tibetischer Ärzte

Nachfragen ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnose

Ein Erstgespräch mit einem Tibetischen Arzt dauert üblicherweise zwischen 20 und 60 Minuten. Während dieser Zeit wird – vergleichbar mit einer westlichen Anamnese – der Ursprung der Beschwerden hinterfragt. Es folgen anschließend spezifische Nachfragen, um herauszufinden, welche Ursachen für die Beschwerden in Frage kommen. Im nächsten Schritt erfolgt meist die Pulsdiagnose.

Die Gesundheit und das Zusammenwirken der Organe messen: die Pulsdiagnose 

Zu den wichtigsten Instrumenten in der Tibetischen Medizin gehört die Pulsdiagnose. Sie dient dazu zu erfahren, welche Ursache die Beschwerden haben. Dabei ertastet der Tibetische Arzt weniger den Herzschlag, sondern vielmehr die Ausprägungen der Organpulse. 

Bei Frauen beginnt der tibetische Arzt am linken Handgelenk, bei Männern am Rechten. Bei der Pulsdiagnose werden Organe mit der Fingerkuppe des Zeige-, Mittel- und Ringfingers abgetastet. Vollorgane wie Herz, Milz und Nieren werden von oben (zum Daumen) gefühlt, Hohlorgane wie Dickdarm, Magen und Harnblase werden von unten (vom Daumen weg) gefühlt. Hierbei werden die einzelnen Pulsschläge mit der Atmung des Patienten verglichen und auf Unregelmäßigkeiten überprüft. Im Normalfall, das heißt im gesunden Zustand, liegen zwischen Ein- und Ausatmung fünf regelmäßige Pulsschläge. Bei einer Erkrankung des Magens, verändert beispielsweise sich der Pulsschlag am linken Handgelenk des Patienten, welchen der tibetische Arzt mit seinem rechten Mittelfinger von unten fühlt.

Traditionelle Darstellung zur Pulsdiagnose

Untersuchung von Zunge und Urin

Je nachdem welche Beschwerden bestehen und wie ausgeprägt sie sind, führt der Tibetische Arzt weitere Untersuchungen durch. Die Betrachtung der Zunge liefert ebenso wie die Untersuchung des Urins weitere Hinweise darauf, um welche Art der Erkrankung es sich handelt und welche Therapie eingeleitet wird. Im Idealfall findet die Untersuchung beim Patienten in den frühen Morgenstunden statt, wenn dieser nüchtern und ausgeruht ist.

Tibetische Medizin: Behandeln mit Heilpflanzen, Ernährung und mehr

Vier verschiedene Therapiezweige

Für die Behandlung von Beschwerden stehen in der Tibetischen Medizin vier verschiedene Methoden zur Verfügung: Ernährung, Lebensweise, Arzneimittel und äußere Heilmittel. Welche Therapie ausgewählt wird, entscheidet der Tibetische Arzt nach der Diagnose. Dabei kann es sich sowohl um eine einzelne Form der Therapie handeln, zum Beispiel die Einnahme eines tibetischen Arzneimittels oder die Veränderung der Ernährung. In der Regel werden jedoch verschiedene Behandlungen kombiniert.

Tibetische Ernährungstherapie: warme und kalte Lebensmittel

Lebensmittel werden in der Tibetischen Medizin in kalte, warme bis heiße und neutrale Speisen und Getränke eingeteilt. Mit dieser Einteilung ist weniger die Zubereitungsart gemeint, sondern vielmehr die Wirkung, die sie im Körper verursachen: Kalte Lebensmittel wie Joghurt und Rohkost können Wind- und Schleim-Leiden verstärken aber Galle-Beschwerden lindern. Heiße und warme Lebensmittel wie Sesamöl, Fisch und Honig verstärken Galle-Beschwerden, setzen aber Probleme durch zu viel Wind- und Schleim herab. Ein Beispiel für ein neutrales Lebensmittel ist die Banane. Daher wird ein Tibetischer Arzt für einen Behandlungserfolg bestimmte Lebensmittel empfehlen und von anderen abraten. 

Tibetische Arzneimittel: Pillen, Pulver und Pflanzen

Eine der häufigsten Behandlungsmethoden in der Tibetischen Medizin erfolgt durch kräuterhaltige Pillen. Seltener werden zudem Mineralien und tierische Substanzen wie Butter verwendet. 

Anders als in der westlichen Naturheilkunde, kommen hierbei kaum Auszüge aus den Pflanzen wie Tinkturen zum Einsatz. Im Normalfall werden getrocknete Pflanzenteile in Pulverform verarbeitet und zusammen mit anderen Substanzen eingenommen. Seit einigen Jahren kommen außerdem vermehrt Tees zum Einsatz. Zudem wird eine Pflanze nur in sehr seltenen Fällen ohne andere Bestandteile verabreicht: In der Regel enthält ein tibetisches Arzneimittel mindestens drei verschiedene Substanzen. Die Zusammensetzung folgt nach dem folgenden Prinzip: Es gibt immer Substanzen, die für die Hauptwirkung zuständig sind. Die zweite Substanzgruppe soll diese Hauptwirkung unterstützen. Mit der dritten Substanzgruppe wird eventuellen Nebenwirkungen entgegengewirkt – so die Theorie.

Neben den Pillen gibt es zudem medizinische Suppen, medizinische Butter, Sirupe, Puder, Zäpfchen, Abführ- und Brechmittel.

Die Auswahl von einem oder mehreren Arzneimitteln erfolgt nach der Diagnose und der Erfahrung, die ein tibetischer Arzt im Laufe der Jahre gewonnen hat. Selbstverständlich spielt auch die Verfügbarkeit eine Rolle. Ist ein ideales Arzneimittel zum Zeitpunkt der Behandlung nicht verfügbar, wird auf andere Präparate ausgewichen, die eine vergleichbare Wirkung haben.

Tibetische Kräuterpillen enthalten überwiegend Heilpflanzen

Äußere Heilmethoden: Massage und Eisbaden

Zusätzlich oder alternativ zu den Arzneimitteln kommen in der Tibetischen Medizin auch äußere Heilmittel zum Einsatz. Mit Ausnahme der Inhalation der Düfte durch Räucherstäbchen werden sie aber deutlich seltener angewendet als andere Behandlungsmethoden. Einige dieser Anwendungen sind auch im deutschsprachigen Raum bekannt, wie zum Beispiel Kälteanwendungen mit kaltem Wasser, Eisbaden oder Wechselduschen. Kälteanwendungen kommen bei Galle-Beschwerden zum Einsatz. Auch Massagen mit bestimmten Ölen ist ein bekanntes Therapieverfahren. In der Tibetischen Medizin werden Massagen mit Sesamöl bei Wind-Krankheiten empfohlen. Die Moxabustion (Brennen) von Kräuterkegeln auf der Haut, ist im Westen hingegen eher exotisch anmutend. In der Tat wird die Moxabustion von einem Tibetischen Arzt niemals leichtfertig angewendet. Das Verfahren erfordert viel Erfahrung und kommt beispielsweise bei Schleim-Krankheiten zum Einsatz.

Verhaltensveränderung und Lebensweise

Da Tibeter den Menschen immer als eine „Zusammensetzung“ aus Körper, Geist und Gedanken betrachten, ist es wenig verwunderlich, dass Empfehlungen zum Verhalten und zur Lebensweise eine wichtige Rolle spielen. Kontemplation, Achtsamkeit und Meditation haben in diesem Zusammenhang eine hohe Bedeutung.

Je nachdem wie krank ein Mensch ist, reichen die Empfehlungen jedoch weiter. Leidet ein Patient etwa an einer Depression, wird ausdrücklich empfohlen, dass sich die Person ausschließlich mit Menschen umgibt, die dieser gern hat bis sich die Beschwerden bessern. Personen, die an Verdauungsbeschwerden leiden wird hingegen anempfohlen, dass sie täglich ausgedehnte Spaziergänge machen sollen. Reagiert jemand oft aufbrausend oder aggressiv, sollte sich dieser wortwörtlich abkühlen, sei es durch Kälteanwendungen oder durch den bewussten Aufenthalt an kühlen Orten, zum Beispiel an einem See.

Zusammenfassung

Die Tibetische Medizin ist ein ganzheitliches Medizinsystem und beruht auf Erfahrung. Jeder Mensch wird in der Tibetischen Medizin als ein Bestandteil oder ein Abbild des Universums betrachtet: Er beeinflusst seine Umwelt, wird aber auch durch die Umwelt beeinflusst. Befindet sich dieser Kreislauf im Menschen in einem Gleichgewicht ist er gesund. Wirken aber bestimmte Einflüsse übermäßig stark auf den Menschen ein, kann das Gleichgewicht gestört werden und die Person erkrankt. Daher zielt die Behandlung der Tibetischen Medizin darauf ab, das gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen. 

Um festzustellen in wie weit das Gleichgewicht aus der Balance geraten ist und welche Erkrankung vorliegt, wendet ein Tibetischer Arzt verschiedene Techniken an: Nachfragen, Pulsfühlen und die Untersuchung der Zunge und dem Urin gehören zu den wichtigsten Diagnosemethoden.

In der Therapie kommen Arzneimittel zum Einsatz, die größtenteils aus pulverisierten Pflanzen bestehen. Zudem gibt es ernährungstherapeutische Behandlungen sowie Empfehlungen zum Verhalten und der Lebensweise. Äußere Heilmethoden wie Kälteanwendungen oder Massagen sind in der Tibetischen Medizin ebenfalls gängig. Sie kommen bei speziellen Erkrankungen zum Einsatz.

Literatur und Quellen

Berling-Aumann N. Tibetische Medizin. Hamburg, Diplomaca Verlag 2012.

Dash VB, Dobum Tulku. Positive Health in Tibetan Medicine. Delhi, Sri Satguru Publications 1991.

Finckh E. Grundlagen Tibetischer Heilkunde Band 1. Uelzen, Medizinisch Literarische Verlagsgesellschaft 1975.

Khangkar D. The Buddhist Way of Healing. New Delhi, Roli Books 1998.

Men-Tsee-Khang. Fundamentals of Tibetan Medicine, 3rd edition. New Delhi, Men-Tsee-Khang 1997.

Bitterorange

Bitterorange

Gaumenschmeichler für die einen, Appetitverderber für die anderen: Die andere Version der süßen Orange. 

Bitterorange; Synonym: Pomeranze

Bitterorange: Steckbrief

Arzneipflanze 

Citrus aurantium L.

Pflanzenteile für Arzneien

Schalen der Frucht

Anwendungsformen

Tee und Tinktur

Innerlicher Einsatz

Regulierend bei schlechtem oder übermäßigem Appetit, Verdauungsbeschwerden durch zu wenige Verdauungssäfte und bei leichten Krämpfen 

Es ist Januar. Der 11-jährige Timo geht zusammen mit seinen Eltern am Gardasee spazieren. Die Familie schlendert über eine Promenade, die links und rechts von früchtetragenden Orangenbäumen eingesäumt ist. Es sind Bitterorangenbäume.

Ein Gespräch über bittere Orangen

»Kann man die essen?«, fragt Timo seine Eltern.

»Die Früchte? Ja, klar«, antwortet die Mutter. »Du wirst sie mögen – besonders wenn du mal Bauchschmerzen haben solltest!«

»Warum?«, fragt Timo neugierig. 

»Die Früchte schmecken ein bisschen bitter. Doch ich finde sie lecker, vor allem als Marmelade sind sie toll!«, wirft der Vater ein.

Seine Frau pflichtet ihm bei: »Oh ja, das stimmt! Nach der Marmelade muss man zwar manchmal im Supermarkt etwas suchen, aber lecker ist sie auf jeden Fall. Könnten wir auch selbst machen.«

»Ich glaube, ich mag keine bittere Orangenmarmelade…«, sagt Timo nachdenklich.

»Bitterorangenmarmelade«, korrigiert ihn der Vater.

»Ok, dann eben Bitterorangenmarmelade. Aber warum soll ich die Bitterorangen ausgerechnet bei Bauchschmerzen essen?«

»Du sollst nicht die Bitterorangen essen, sondern einen Tee aus den Schalen trinken. Der bewirkt, dass deine Bauchkrämpfe weniger werden und du das Essen besser vertragen kannst.«

»Ich glaube, dann esse ich lieber Marmelade«, meint Timo.

Der Vater schmunzelt und erklärt: »Das funktioniert leider nicht. Davon müsstest du so viel essen, dass der ganze Zucker wieder neue Bauchschmerzen machen würde.«

»Ihr seid echt kompliziert«, seufzt Timo. »Können wir bitte über etwas anderes sprechen.«

Bittere Schalen durch bittere Flavonoide und ätherische Öle

Ein Gespräch über die Bitterorange ließe sich beliebig erweitern, zum Beispiel darüber, dass die Extrakte aus ihrer Schale oft für die Herstellung von Parfüms genutzt werden. Was aber sorgt für den bitteren Geschmack und den frischen, warmen Duft? Und was haben die Früchte davon? 

Die Schale speichert sekundäre Pflanzenstoffe (Flavonoide) und ätherische Öle. Beide Substanzen schmecken bitter. Die speziellen Flavonoide verleihen der Schale außerdem ihre orangene Farbe und sie halten Fraßfeinde fern, während die Kerne schließlich der Vermehrung der Pflanze dienen. Die ätherischen Öle locken zudem potentielle Bestäuber an und sie schützen die Frucht vor Krankheitsbefall, etwa durch Pilze oder Bakterien. Und der Mensch? Er profitiert von den positiven Wirkungen auf den Appetit und auf die Verdauung.

Die Bitterorange in der Medizin

Anwendungsgebiete mit begründeter und plausibler Wirksamkeit

Die Schalen der Bitterorange haben den Vorteil, dass diese zwar bitter, aber nicht superbitter schmecken. Sie können die getrockneten Schalen als Arznei einsetzen, beispielsweise wenn: 

  • Sie wegen eines Infekts, einer Lebererkrankung, bei einer Krebstherapie oder einer anderen Krankheit unter Appetitlosigkeit leiden. Der Extrakt wirkt appetitregulierend. 
  • Ihre Verdauungsorgane (Magen, Darm, Leber) zu wenige Verdauungssäfte bilden und Sie dadurch  Verdauungsbeschwerden wie leichte Krämpfe, Blähungen und Schmerzen zu beklagen haben.

Anwendungsbereiche aufgrund von Erfahrung und der Studienlage

Bitterorangenschalen werden schon lange in der Naturheilkunde eingesetzt und werden weiter erforscht. Aufgrund von Erfahrungen und Studien könnten die bitteren Schalen helfen, wenn: 

  • Sie abnehmen möchten und zu Heißhunger neigen. Dieses Anwend ungsgebiet beruht auf Erfahrung und erscheint aufgrund der appetitregulierenden Wirkung der Bitterstoffe plausibel. Außerdem wird erforscht, in wie weit Bitterorangenschalen den Fettabbau steigern können.

Die Einzelportion, Tagesmenge und der richtige Einsatz getrockneter Bitterorangenschalen

 

Bitterorangenschalen (Pomeranzenschalen)

Einzelportion

2 Gramm

Tagesmenge

4-6 Gramm

Tagesmenge Trockenextrakt

1-2 Gramm

Einsatz als

Tee, Tinktur, Trockenextrakt

Hochwertige getrocknete Bitterorangenschalen erhalten Sie in der Apotheke und im Reformhaus.

Basisrezepte mit Bitterorange


Bitterorangentee

Übergießen Sie für 1 Portion 1 Teelöffel getrocknete Bitterorangenschalen (2 Gramm) mit rund 150 Millilitern kochend heißem Wasser. Sie können lose Schalen, einen Teefilter oder ein Teeei verwenden. Den Tee zudecken und 10 Minuten ziehen lassen, dann die Schalen abseihen.

Trinken Sie bis zu drei Tassen des Tees aus Bitterorangenschalen eine halbe Stunde vor einer Mahlzeit.

Die Bitterorange als Lebensmittel

Das Fruchtfleisch und kleine Mengen der Bitterorangenschalen sind essbar, sofern sie ungespritzt sind. Allerdings sind die tollen Früchte im deutschsprachigen Raum vergleichsweise unbekannt, in den Wintermonaten jedoch manchmal erhältlich. Ihre Nährwerte sind mit denen von Orangen (etwa 42 Kilokalorien pro 100 Gramm) vergleichbar. Wie die meisten Zitrusfrüchte lieben auch Bitterorangen ein warmes Klima und wachsen daher prima in Südeuropa, zum Beispiel in Italien und Spanien. Nördlich der Alpen findet man den Baum hingegen fast ausschließlich in botanischen Gärten. Bitterorangen werden unter guten Wachstumsbedingungen ungefähr so groß wie eine Mandarine.

Die richtige Menge und der richtige Einsatz

Das Fruchtfleisch der Bitterorange ist essbar und schmeckt erst fruchtig, dann bitter. Es eignet sich für Saftschorlen und zum Verfeinern von Soßen und Gelees. Die Schale kann ebenfalls verwendet werden, um Speisen und Getränken eine besondere Note zur verleihen und passt auch zur Herstellung von Marmelade. 

Basisrezepte mit Bitterorange


Bitterorangenmarmelade

Zutaten für 4 Gläser

✦ 500 Gramm Gelierzucker ✦ 1 Päckchen Zitronensäure ✦ 6 Bitterorangen (Pomeranzen) ✦ etwa 500 Milliliter Orangensaft

  • Zerteilen Sie die Bitterorangen und pressen Sie den Saft aus; am besten direkt in einen Topf. Schneiden Sie die Schalen in feine Streifen.
  • Geben Sie die Schalen zu dem Saft. Füllen Sie die Menge mit Orangensaft auf, bis sie ein Kilogramm ergibt. 
  • Mischen Sie die Zitronensäure und den Gelierzucker nach Packungsanweisung unter und bringen Sie das Ganze anschließend zum Kochen. 
  • Lassen Sie die Fruchtmischung 5 Minuten kochen, schöpfen Sie möglichen Schaum mit einer Schöpfkelle ab und füllen Sie die Marmelade dann in die vorab vorbereiteten Gläser.
  • Verschließen Sie die Gläser und stellen Sie diese 10 Minuten auf den Kopf. Danach muss die Bitterorangenmarmelade noch auskühlen.

Ihre hausgemachte Bitterorangenmarmelade eignet sich hervorragend als Brotaufstrich oder zur Zubereitung von Soßen.

Die unerwünschten Wirkungen der Bitterorange

Wenn Sie mehr täglich als 6 Gramm Bitterorangenschalenextrakte konsumieren, kann bei Einnahme des Arzneimittels Ciclosporin (Mittel zur Unterdrückung des Immunsystems) dessen Wirkung reduziert werden. Theoretisch kann zudem eine erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut bei hellhäutigen Menschen auftreten. Wenn Sie schwanger sind oder Ihr Kind stillen, halten Sie vor Anwendung bitte Rücksprache mit Ihrem Arzt.

Literatur und Quellen

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Aurantii pericarpium (Pomeranzenschale). https://buecher.heilpflanzen-welt.de/BGA-Kommission-E-Monographien/aurantii-pericarpium-pomeranzenschale.htm, Zugriff am 02.12.2018.

Preuss HG et al. Citrus aurantium as a thermogenic, weight reduction replacement for Ephedra: an overview. Journal of Medicine 2002:33:1-4.

Schulz V & Hänsel R. Rationale Phytotherapie. 4. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 1999.

Yu-Chi H. et al. Acute Intoxication of Cyclosporin Caused by Coadministration of Decoctions of the Fruits of Citrus aurantium and the Pericarps of Citrus grandis. Planta Medica 2000:66-653.655.

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Dr. Nadine Berling-Aumann ist Ökotrophologin, promovierte Naturwissenschaftlerin und eine erfahrene Autorin. Im Rahmen eines 10-jährigen Aufenthalts in Nordindien und Nepal forschte sie eingehen zur Tibetischen Medizin. Seit nunmehr mehr als 14 Jahren arbeitet sie an Projekten zu europäischen und tibetischen Heilpflanzen. Ihr umfassendes und fundiertes Wissen über gesunden Ernährung und Kräuterkunde gibt sie seit 2012 in ihrer Ernährungspraxis weiter. Weitere Infos: www.ernaehrungspraxis-dr-berling-aumann.de

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